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Immer wenn es Abend wird

Tagsüber komme ich meist gut zurecht und bin beschäftigt. Meine Gedanken kreisen da zwar auch sehr viel, aber eigentlich habe ich mich fast immer im Griff. Sobald der Tag aber langsam zu Ende geht, alle Dinge des Tages erledigt sind und der kleine Mann mit dem Papa spielt oder gar im Bett ist, dann ist die Trauer äußerst schlimm. Dann weine ich besonders viel und möchte es einfach nicht glauben dass unser Baby wirklich tot ist. Einfach nicht mehr da. Sie wurde uns als großes Wunder geschenkt und musste dann auf tragische Weise gehen. Es ist so schlimm. So furchtbar schlimm. 😢

Zum davonlaufen 

Wenn sich die Kassiererin im örtlichen Supermarkt, die den gleichen ET wie ich hatte, sich beklagt dass die Schwangerschaft so schlimm ist und überhaupt nicht ins Leben passt, dann ist es einfach zum davonlaufen. Ja, ich hab tatsächlich mein Zeug auf dem Band liegen lassen und bin gegangen. 

(Ich hatte einen Parka an und man konnte wohl nicht sehen dass ich nicht mehr schwanger bin. Trotzdem find ich es einfach scheisse!)

Und weiter? 

In den Tagen direkt nach Ninas Geburt war für mich ganz klar, dass ich nie nie wieder schwanger sein möchte, weil ich soetwas  schlimmes nie mehr wieder erleben und nicht noch über ein weiteres Kind trauern möchte. Dieses klare Niemals verschwindet langsam und wenn die Zeit dafür reif ist und wir noch nicht zu alt sind, dann wollen wir es evtl. nochmal versuchen. 

Uns ist klar dass nichts und niemand jemals unser Wundermädchen ersetzen wird, das soll auch niemand. ❤️🌈

Ob es klappt ist dann natürlich die andere Frage. Ob die Krankenkasse zustimmt und wir noch ICSIkandidaten sind weiß ich leider nicht. 

Der Umgang mit mir…

…ist nicht so leicht. Nachdem unsere Freunde/Famile über die Stille Geburt von Nina benachrichtigt wurden, kamen über WhatsApp und teilweise SMS Beileidsbekundungen. Das war ganz lieb, noch lieber war mir die allererste Karte die wir, von einer ICSIschwester, bekamen. 

Eine Karte für uns und Nina, die wir mit in ihre Erinnerungskiste legen können. Das geht mit den lieben Worten aus WhatsApp leider nicht. 

Nach den Beileidsbekundungen gab’s erstmal Pause. Daran war ich zum großen Teil selbst schuld. Bei Telefonaten bin ich einfach nicht ran und wenn ich gefragt wurde ob jemand vorbeikommen könne, habe ich verneint.  Ich brauchte die Pause auch. Ich brauchte Zeit und Raum zum weinen, traurig und wütend sein. (Zum Glück bin ich noch in Elternzeit) Aber die Pause brachte noch mehr Verunsicherung bei meinen Freunden. Immer wieder eine Nachricht zu schreiben oder anzurufen um abserviert zu werden ist schwer. Sie konnten nicht wissen wann der richtige Zeitpunkt ist und ob sie sich melden oder lieber noch ein bisschen Zeit verstreichen lassen sollten. Und auch ich weiß/wusste nicht immer so recht was ich möchte. Einerseits wollte ich wieder am Leben außerhalb unseres Hauses teilnehmen und andererseits hatte und habe ich Angst dass ich unter Gesellschaft wieder weinen muss. So richtig weinen. Aber letzte Woche habe ich meinen Mut gefasst, sie angeschrieben und gesagt dass ich wieder am Leben teilnehme und wenn es mein Zustand zulässt, mich auch gerne wieder treffen möchte. Schon kurz danach haben wir Treffen vereinbart. Das tut gut, auch wenn bei jedem Treffen viele Tränen von beiden Seiten fließen, fühlt es sich richtig an. Und bei jedem ersten Treffen merke ich wie schwer es auch für meine Freunde ist. Bis wir wieder warm werden dauert es etwas, sie möchten nichts falsches sagen oder fragen und doch möchten Sie gerne wissen was passiert ist und wie es mir geht. Aber wie geht es mir eigentlich? Mal geht’s mir ok und dann bricht wieder alles zusammen und ich versteh die Welt einfach nicht. Es ist schwer für uns alle und ich wünsche mir sehr dass sie noch lange Verständnis für mein Verhalten haben. 

Und was kommt danach? 

Ich hab mich noch nie wirklich damit auseinandergesetzt was nach dem Leben passiert. Aber jetzt musste ich. Was passiert wenn wir nicht mehr da sind? Wo ist mein kleines Mädchen hin? 

Die Vorstellung dass sie mit anderen Engelchen im Himmel spielt und ihre Oma auf sie aufpasst finde ich sehr schön. Der Glaube dass wir uns irgendwann wieder sehen hilft mir auch irgendwie. 

Auf der Suche nach dem was nach dem Leben passiert, wurde mir das Buch „Erinnerungen an den Himmel“ empfohlen. Dort schreiben Familien von ihren Kindern, die über die Zeit vor ihrer Geburt erzählen. Ist schon verrückt was da so drin steht und ändert ein wenig den Blickwinkel über den Tod. 

In einer Sternenkindergruppe bei Gesichtsbuch berichten Frauen auch über Begegnungen der besonderen Art. Da fliegen beispielsweise ganz oft Schmetterlinge zu Ihnen oder das Licht dass durch die Wolken kommt hat einen ganz besonderen Schein. Für sie ist es ein Zeichen dass ihre Kinder sich bemerkbar machen. Sowas hatte ich noch nicht. Ich spüre sie nur in meinem Herzen. Obwohl?! Als wir von unserem Urlaub zurückkamen, begrüßte uns direkt vor unserer Haustür ein Regenbogen. Das war schon ein wenig wie ein Willkommensgruß aus dem Himmel. 

Sie fehlt mir so und viel lieber würde ich mir weiter Gedanken darüber machen, wie Leo auf seine kleine Schwester reagiert, ob sie mehr Ähnlichkeit mit mir oder ihrem Papa hat, wie sie sich entwickelt, wie sie gemeinsam aufwachsen, wie Leo sein Spielzeug in Sicherheit bringt, wie anstrengend die Tage und Nächte mit so zwei kleinen Kindern sind… Aber stattdessen muss ich mir eine schöne Welt für mein kleines Mädchen zurecht denken damit ich irgendwie damit klarkomme. 😢